Pro Natura Nationalpärk / Parco nazionale del Locarnese (TI) 2009

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Das Tessin übernimmt die Vorreiterrolle bei Waldreservaten


Kernzonen für einen zweiten Nationalpark?

Das Tessin schickt sich an, weit mehr als den gesamtschweizerisch angestrebten Durchschnitt von zehn Prozent der Waldfläche als Reservate auszuscheiden – und macht den Vorwurf des laschen Umgangs mit der Natur durch die Ticinesi zum Vorurteil. Im Onsernone steht die Gemeinde hinter einem Reservatsprojekt.

Dass die Tessiner ein anderes, weniger protektives Verhältnis zur Natur haben als die Deutschschweizer, mag Lino Mordasini, Gemeindeschreiber in Russo, nicht bestreiten. Im Valle dell'Onsernone wird dieses pauschale Vorurteil korrigiert, denn was die Schaffung von Waldreservaten betrifft, ist der Südkanton auf bestem Wege, die Vorreiterrolle in der Schweiz zu übernehmen. Der ganze westliche Teil des Onsernonetals, 1000 Hektaren an der Grenze mit Italien, sollen zum geschützten Waldgebiet werden, in dem die Holzwirtschaft keine Rolle mehr spielt. «Dagegen gibt es absolut keine Opposition», offenbart Signor Mordasini, die Bevölkerung sei darob im Gegenteil «contenta». Und der Bürgermeister von Onsernone sagt am Telefon: «Schreiben Sie einfach: Wir hängen sehr an dem Projekt.»
90 Prozent des vorgesehenen Schutzgebietes sind im Besitz der drei Patriziati von Onsernone, Comologno und Borgnone. Stolz ist das treffende Wort, das die Haltung der meisten Behördenmitglieder umschreibt, wenn sie von der wahrscheinlich bald bevorstehenden rechtlichen Verankerung der Riserva forestale dell'Onsernone sprechen – im Gegensatz zur weit verbreiteten ablehnenden Stimmung, die nördlich der Alpen solchen Projekten entgegenschlägt.

Erholungswert der Wälder

Letztmals wurde 1986 ein kleiner Teil des Gemeindewaldes von Onsernone durchforstet. Daraufhin hat ein Sturm in den entstandenen Ausdünnungen schwere Schäden anrichten können, und das Holz musste mit Hubschraubern an die Strasse geflogen werden, wo es verfaulte, weil keine Abnehmer zur Stelle waren. Der Verlust für das Patriziato wog schwer. «Mit forstwirtschaftlicher Nutzung ist hier nie ein Gewinn zu machen», rechnet der zuständige Kreisförster von Locarno, Roberto Buffi. Dem steht der unbezifferbare Naturwert des Walds gegenüber, der für die Erholung der Tessiner Bevölkerung und für den Tourismus immer wichtiger wird. Auf die Riserva bezogen: Das Zehnjahresbudget für das Waldreservat beträgt rund eine halbe Million, die forstliche Bewirtschaftung würde in dieser Zeit ein Defizit von zwei Millionen Franken auftürmen. Das zukünftige Reservat ist kaum erschlossen, sogar ein Wanderwegnetz besteht nur rudimentär. Vor allem für Erstellung und Unterhalt von Fusswegen wird Geld benötigt. Aber auch «Landschaftsführer» sollen ausgebildet werden, die Interessierten das Reservat zeigen, deren Augen für die Eigenheiten eines naturnahen Waldes öffnen und das Schutzgebiet überwachen.
Weisstannen mögen einem Deutschschweizer nicht gerade als Seltenheit vorkommen – die Forstwissenschafter zählen sie allerdings zu den Arten mit schrumpfender Verbreitung. Bezogen auf den gesamten Alpensüdbogen, findet man an den Schattenhängen des Onsernonetals eines der bedeutendsten Vorkommen. Im Gelände hebt Buffi mit seiner Hand einen Keimling hervor, der fast die Form einer Palme hat: Eine im Frühjahr gekeimte Weisstanne, die im Schatten eines mächtigen Exemplars auf günstigem Waldboden gedeiht. Eines von vielen unscheinbaren Indizien, dass das Onsernone ein «Weisstannenoptimum» bietet. Auch Buchen, Lärchen und Birken durchlockern die Steilhänge. Vermodernde Bäume, auf denen sich Pilze gütlich tun, liegen herum. Der Kreisförster verweist auf viel stehendes Totholz, das biologisch besonders wichtig ist, vor allem für die 70 bis 90 beobachteten Vogelarten. Theoretisch dauert es eine Baumgeneration ohne jegliche menschlichen Eingriffe, bis ein Wald zum Urwald wird, erklärt Andreas Speich, der als Stadtförster von Zürich zwar in Ungnade gefallen war, heute aber dank seiner bahnbrechenden Vision, den Sihlwald zum Naturwald werden zu lassen, ein viel gefragter Konsulent in Sachen Urwald ist. Aber bereits heute identifiziert Speich in der zukünftigen Riserva forestale dell'Onsernone zahlreiche Charakteristika eines Urwaldes: Stämme von unterschiedlicher Dicke, die Strukturvielfalt, eine hohe Biodiversität an Pilzen und Insekten, über das Kronendach herausragende Einzelbäume, der Wechsel von Licht und Schatten.

Luchs und Wolf als Natur-Thermometer

Gemeindeschreiber Mordasini ist auch Jäger, und er vermutet, dass gelegentlich der Luchs schon seine Pfoten ins Onsernone setzt. Wohltuend unverkrampft begegnet er dem Szenario, dass auch bald einmal der Wolf in sein Tal kommen könnte. «Luchs und Wolf sind wie ein Thermometer, das uns den Zustand der Natur anzeigt», sagt er. «In diesem Sinne sind sie uns willkommen, neben dem Adler, der schon heimisch ist, und den Gemsen und Steinböcken.» Trotzdem ist die Jagd – und als weitere Tessiner Passion das Pilzesammeln – ein politisch heikler Punkt im Reservatskonzept. Im Sinne der Machbarkeit sollen diese bei der Bevölkerung verankerten Arten von Waldnutzungen im Schutzgebiet weitgehend erlaubt sein, im Gegensatz zum benachbarten Vergeletto, wo mit der Riserva dell' Arena das erste Waldreservat im Kanton Tessin 1992 verwirklicht worden ist. Jene 177 Hektaren sind allerdings Staatswald, sogar das Verlassen der gekennzeichneten Wege ist dort untersagt. Aber im Onsernone soll die weitere Bewirtschaftung der im Reservatsgebiet bestehenden zehn Rustici nicht verhindert, sondern geregelt werden.
Die Aussicht auf einen Naturwaldpark beflügelt bereits jetzt die Bewohner des Onsernonetals. In Comologno zeigt der historisch bewanderte Lino Mordasini die voranschreitenden Renovationsarbeiten am Palazzo Gamboni. Das Haus wurde von einem Freimaurer 1730 erbaut und überdauerte die Zeiten mitsamt Mobiliar und Küchenutensilien. Ein Landwirt hat es für eine geringe Summe kaufen können und es selbstlos zum gleichen Betrag der Gemeinde übereignet, damit dort eine Art Zentrum für die Riserva forestale eingerichtet werden kann. Nun entstehen in dem Bürgerpalast drei originalgetreu eingerichtete Gästezimmer und in einem angebauten Trakt vier moderne Räume samt Sauna. Der Palazzo Gamboni wird für das Onsernonetal, das bisher nur rund fünfzig Hotelbetten ausmieten kann, eine wichtige touristische Aufwertung darstellen.


Waldreservate brechen Grenzen auf

Im Tessin brechen die Waldreservate nicht nur Grenzen im Kopf auf, sondern auch die bestehenden zu Italien. Dasjenige im Onsernone und auch die weiter südlich geplante Riserva di Palagnedra (640 ha) stossen an italienisches Gebiet, und die Idee steckt dahinter, auf der nachbarschaftlichen Seite die Reservate auszudehnen, quasi zu verdoppeln. Sollten diese Pläne verwirklicht werden, so ergäbe dies im Onsernone zusammen mit dem benachbarten Italien ein europaweit bemerkenswertes Waldreservat von 2000 ha. «Vorher kannte ich nicht einmal meine Amtskollegen auf der italienischen Seite», rekapituliert Kreisförster Buffi. «Heute herrscht ein sympathischer Austausch mit gegenseitigen Einladungen.» Zuhinterst im Onsernonetal profitiert die Schweiz gar von einem interregionalen Programm der EU. Mit einem Beitrag von 0,7 Millionen Franken subventioniert Brüssel den Wiederaufbau der Bagni di Craveggia – uralte Thermalbäder, die in den siebziger Jahren von Lawinen und Überschwemmungen zerstört worden sind. Zugänglich sind die Bagni nur von schweizerischer Seite, durch ein gut ausgebautes Strässchen von Spruga zum Fluss Isorno. Dort hat «Bern» bereits eingewilligt, eine Fussgängerbrücke zu bauen. Einst wurde dem Onsernone der hinterste Teil des Tales abgezwackt und Italien zugeschlagen, zugunsten von Gebietszulagen im Mendrisiotto. Nun gewinnt das Bergtal von Italien den Nutzen der Bäder, falls herumgeisternde Pläne für einen Kraftwerksbau von Rom in der Schublade bleiben.
Roberto Buffi kommt auf die Tessiner und ihre Beziehungen zum Wald zu sprechen. Während der Knechtschaft wurde der Wald ausgebeutet, Mailand grosszügig mit Brennholz versorgt. Mit dem Niedergang der Berglandwirtschaft gewannen die Wälder im Tessin rasant an Terrain. Seit dem Zweiten Weltkrieg hat sich die Waldfläche auf 150'000 ha verdreifacht – mit einem Anteil von 50 Prozent am Territorium ist das Tessin nun der relativ waldreichste Kanton geworden. Auch existiert keine Tradition der Holzfällerei; im Holzschlag sind vorwiegend Veltliner und andere Italiener tätig. Die fehlende Tradition öffnet auch Chancen, meint Buffi, und so werden Waldreservate weniger bekämpft als in der Deutschschweiz, wo die Forstwirtschaft immer noch stark auf die Holznutzung fixiert ist. Trotzdem waren anfänglich die Widerstände enorm, erinnert sich Dottore Buffi, der unermüdliche Promotor in Sachen Tessiner Urwälder. «Zuerst mussten die Vorurteile in den eigenen Reihen ausgeräumt werden.» In seinem Büro hängen Detailaufnahmen von Wäldern, quer übereinander liegende Hölzer, wunderschöne Lichtspiele. «Da kann ich bei Sitzungen jeweils sagen: Ist das nicht ein kreatives Chaos, ist das nicht etwas Wunderschönes?»
Die Bilder stammen aus dem Bosco di Maia, dem zweiten im Forstkreis Buffis vom Tessiner Forstdienst durchgebrachten Naturpark. Er liegt beinahe mitten in Losone, hinter der Kaserne. Buffis Einsatz begann 1989, und es dauerte neun Jahre bis zur Verwirklichung. Die 100 ha gehören dem Patriziato von Losone. Es ist eine eiszeitlich modellierte Höckerlandschaft, die bereits im Inventar von nationaler Bedeutung aufgelistet ist, das grösste und eines der artenreichsten Amphibien-Vorkommen im Tessin. In der Vergangenheit wurden die Kastanienbäume gezielt gefördert, durch die Nichtbewirtschaftung haben sich bereits mehrere andere Arten angesiedelt. Buffi: «Waldreservate haben einen ethischen Wert: die Natur per se. Sie haben auch einen therapeutischen Wert, der der Seele gut tut. Und sie haben einen wissenschaftlichen Wert. Die Natur kann nicht reden, wenn man ihr immer dreinredet. Und selbst wenn man einen Grossteil der Wälder weiter nutzen will, muss man wissen, was die Natur macht, wenn der Mensch nicht eingreift.»


Waldschule geplant

Zehntausende besuchen im Jahr den Parco del bosco di Maia. Der Kreisförster plant die Eröffnung einer Waldschule, aber sowohl die Forstdirektion wie die Erziehungsdirektion wollen das Projekt nicht fördern. Buffi hat dafür einen Sponsor auf der Alpennordseite in Aussicht. Roberto Buffi wäre nicht der Visionär, schwebten ihm nicht grössere Zusammenhänge vor: Vielleicht könnten die vier in seinem Forstkreis entstehenden Reservate in Zukunft die Kernzonen eines zukünftigen Nationalparks abgeben, der bei Losone beginnt und im Idealfall auf italienischer Seite aufgenommen und schliesslich mit dem Nationalpark Val Grande zu einem der ausgedehntesten Schutzgebiete auf der Alpensüdseite verknüpft werden könnte. Buffi ist aber Realist und weiss, dass ein solches Projekt nur in Zusammenarbeit mit der Bevölkerung, «von unten nach oben», wie er sagt, realisiert werden kann. Dabei müsste eine flexiblere Nutzung als im Engadiner Nationalpark möglich sein, unter Einschluss der bestehenden Bewirtschaftung und auch nicht zum Nachteil der noch vorhandenen Alpweiden. Die Zeichen scheinen für einen zweiten Nationalpark in der Schweiz nicht ungünstig zu stehen, auch wenn dazu erst eine gesetzliche Grundlage geschaffen werden müsste. Vorerst werden die Tessiner Reservate über die Zonenplanung verankert, bis in einigen Monaten die kantonale Reservatsgesetzgebung verabschiedet sein wird. Der Forstdienst des Kantons Tessin schickt sich an, mit 17 Prozent seiner Waldfläche weit mehr unter Schutz zu stellen als die eidgenössisch angestrebten 10 Prozent. Dass einzelne Kantone bei der Reservatsplanung bös in Verzug sind, hat sich nach dem Sturm «Lothar» gerächt. Zum Beispiel hatte der Kanton Zug (Planungsstand: null Reservate) keinen Hinweis darauf, wo das Sturmholz im Interesse des Naturwaldes (und des Steuerzahlers) liegengelassen werden kann.