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Steile Welt im Onsernone-Tal

Für viele Deutschschweizer ist das Tessin ein Sehnsuchtsort. Sie verbinden es mit sonnigen Tagen am See oder lauschigen Wanderungen im Kastanienwald. Was das Tessin aber als Heimat für die Einheimischen bedeutet, ist eine andere Geschichte.

Man erfahrt sie in einem neuen. lesenswerten Buch. Die Autorin Stef Stauffer sprach mit alten Menschen über das Aufwachsen in einem Tessiner Tal und über die vielen Leute, die ausgewandert sind, weil sie der Armut und der Enge entfliehen wollten.

Steile Welt Leben im Onsernone von Stef Stauffer (Lokwort)

 

 

Einer der Familiennamen, der aufs engste mit Comologno im Onsernone verbunden ist, ist jener der Mordasini.

Ein Sprössling jener Familie ist 1885 von dort ausgewandert und hat 1902 in Bern ein Malergeschäft gestartet, das heute noch floriert.Seit 1953 sind zwei der bei Bern ansässigen Mordasini-Familien zudem im Besitz des Palazzo della Barca in Comolgono; es ist dies jenes Castello, das in den 1930er Jahren zahlreichen Künstlern als Rückzugs-Oase gedient hatte.

Als Carlo Mordasini sein Heimatdorf Comologno im Onsernone verliess, um in der Fremde sein Glück zu suchen, war er knapp 13 jährig. Eine erste Station war Zürich, dann folgte Genf, wo er eine Lehre als Maler absolvierte. Danach gelangte er nach Bern und gründete 1902 mit seinem Bruder Augusto das Malergeschäft Mordasini.

Dieses Geschäft findet sich noch heute an der gleichen Adresse: im Gebiet Wankdorf, Stade de Suisse, in Bern. Wer das Geschäftshaus der Mordasini betritt, sieht in dessen Korridor ein Fresko der Dorfansicht von Comologno.

Orlando ist zwar in Bern geboren, aber sämtliche Ferien, als Schulbub und auch später noch, hat er vom ersten bis zum letzten Tag stets in Comologno verbracht. Er kannte dort jede Ecke und jeden Schleichweg, Sonntags diente er in der Kirche dem Pfarrer als Ministrant, Comologno war für ihn der Nabel des Onsernone. Es ging weder um Loco noch um Russo! Onsernone, das bedeutete für ihn vorab und zuallererst Comologno!

Und klar, da waren all die Verwandten, die Onkel, Tanten, Cousinen, Schwestern und es gehörte sich für klein Orlando, diese jedes Mal alle zu besuchen, das habe je jeweils ganze Tage gedauert; und damit ist der pensionierte Malermeister mitten drin im Erzählen, und eine dieser Geschichten handelt von einer Totenwache, da war der offene Sarg mit dem Verstorbenen mitten im abgedunkelten Zimmer, überall Kerzen, ein paar Blumen, und da sind die alten Frauen, die Klageweiber, in Schwarz, von Kopf bis Fuss, sie beteten, sassen auf harten Stühlen am Sarg und beteten, «und es hing dieser Geruch in der Luft, unverkennbar, unvergesslich» und da waren die Männer, auch sie am offenen Sarg, sassen sich gegenüber, hatten sich zum Teil jahrelang nicht mehr gesehen; waren zurückgekommen, um vom Toten Abschied zu nehmen, «sie sassen am offenen Sarg, die Arme abgestützt an der Sargkante, sassen vorm Leichnam, und redeten über dies und jenes».

Und einmal, so ein anderer Erinnerungsfetzen, der vor Orlando Mordasinis Auge auftaucht «haben die Männer einen Sarg die enge Steintreppe runter tragen müssen, der Verstorbene hatte zuoberst im Haus gewohnt, und die Sargträger kamen mit dem Sarg kaum um die Ecken, das war ein Zirkeln und ein Hin und Her, «ich höre noch heute, wie es aus diesem Sarg gerumpelt hat».

Wie war das mit dem Palazzo della Barca in Comologno? Wie war das mit der Schriftstellerin Aline Valangin (1889 in Vevey geboren) und dem jüdischen (1894 in Weissrussland geborenen) Rechtsanwalt Wladimir Rosenbaum? Alt-Malermeister Mordasini verweist einerseits auf eine Reihe von Büchern, vorab auf jene, die Aline Valangin (die erst hatte Pianistin werden wollen) selbst geschrieben hatte, so auf «Die Bargada» (1944) und das (erst im Nachhinein, 1982, erschienene) Werk «Dorf an der Grenze» und andererseits auf die Palette an Sekundärliteratur, so von Eveline Hasler («Aline und die Erfindung der Liebe») und von Peter Kamber («Geschichte zweiter Leben Wladimir Rosenbaum & Aline Valangin»). Wer in diesen Texten schmökert, begegnet alsbald so prominenten Namen wie C.G. Jung, James Joyce, Thomas Mann, Kurt Tucholsky, Ignazio Silone, Meret Oppenheim, Max Bill, Hans Arp, Max Ernst u.v.m. alle samt Personen, mit denen Aline Valangin in Verbindung gestanden hatte, sei es in ihrer Wohnung in Zürich oder im Palazzo in Comologno, den das Ehepaar Valangin/Rosenbaum 1929 käuflich erworben hatte (Rosenbaum, der später sich nochmals zweimal verheiratete, war ein erfolgreicher Anwalt; in einer zweiten Karriere mauserte er sich in Ascona zum angesehenen Antiquar).

Und klar, diese Barca, dieses Schlösschen mitten im Dorf und diese exotisch anmutenden Gäste, all diese Männer, das hat in Comologno stets viel zu reden und zu fantasieren gegeben, und wie Orlando Mordasini sich jener Jahre erinnert, steht ihm ein verschmitztes Lachen im Gesicht. Sie hätten damals, als Buben, oft auf diesen Palazzo gespäht, «um eine gute Sicht zu erhalten, kletterten wir auf Bäume oder auf die nahen Felsen», und manchmal hätten sie gar einen Blick auf die im Gartenbassin schwimmende Valangin erhaschen können. Und einmal, so eine ferne Erinnerung, einmal sei das Hündchen der Sciora (wie die Dörfler die Frau nannten) einen Bach runter gefallen, das war in der Runse bei der Wegkappelle zwischen Spruga und Comologno (wo das Dorf mittels einer einfachen Turbine Strom erzeugte), dort sei das Hündchen runter gefallen, in den Sturzbach «uhh, das war eine Sache, die Sciora ganz durcheinander, das ganze Dorf in Aufregung». Und beim Erzählen blättert Orlando Mordasini in einem mit blauer Tinte beschriebenen Papier, es ist der Kaufvertrag über die Barca, den sein Vater Attilio und dessen Bruder Ernesto mit Aline Valangin im August 1953 unterzeichnet haben. «Der Maestro hat das damals eingefädelt», und dieser Maestro hiess mit bürgerlichem Namen Gisuppe Gamboni, er war der Dorflehrer in Comologno, «aber wir nannten ihn Maestro; er und der Pfarrer, das waren die Könige». Jener Maestro also hatte die Gebrüder Mordasini über die Absicht der Valangin (die zu jener Zeit mit dem Musiker Wladimir Vogel lebte) ins Bild gesetzt.

Im Willen, wonach der Palazzo möglichst in Tessiner Händen bleiben solle, hatte diese die Barca dem Kanton Tessin vermachen wollen. Jener aber hatte abgelehnt (die öffentliche Hand, so die Antwort, habe bereits genügend andere historische Bauten zu unterhalten), und also sind, nach Vermittlung des Maestro (der eine Tante von Orlando Mordasini zur Frau hatte), die Mordasini zu diesem Palazzo gekommen.

Es ist ein Gebäude, das einem sogleich ins Auge sticht, bereits bei der Anfahrt nach Comologno; von der Talstrasse her, aus der Distanz betrachtet, erinnert einen der Palazzo mit seinem Türmchen mitunter an ein buddhistisches Kloster in den Bergen von Sikkim und schliesslich, woher nun stammt denn der Name Barca (Schiff), warum «La Barca»? Dahinter steckt die Geschichte eines jungen Mannes aus Comologno (aus der Familie Remonda), der im 18. Jahrhundert in Frankreich hoch gepokert und gewonnen hat.

An der Pariser Börse hatte dieser Remonda ein Handels-Schiff ersteigert, das als verschollen gegolten hatte, dann aber dennoch eintraf voll beladen mit Seide. Mit dem Verkauf der Stoffe hatte der Comologneser ein Vermögen gemacht und sich in seinem Heimatdorf zuhinterst im Onsernone einen Palazzo erbauen lassen; diesen nannte er «La Barca», das Schiff nicht öffentlich zugänglich.

Als Alternative bietet sich der nahe gelegene Palazzo Gamboni, 1780 errichtet und in den 1990er Jahren renoviert und ausgebaut.

Wer im übrigen Onsernone nach Übernachtungsmöglichkeiten sucht, findet diese entweder in Form von Ferienwohnungen oder einfachen Hotelzimmern. In Russo etwa, dem Zentrum des Tals.

 

Zu empfehlen sind zudem die Bed&Breakfast Angebote, im Sommer 2015 auch in Vocaglia.

 

Info-Point Valle Onsernone

Montag-Dienstag geschlossen Mittwoch-Freitag 8.30-13.00/14.30-18.00 (bei Regen bis 17.00) Samstag-Sonntag/Feiertage 9.00-13.00/14.30-17.00 Tel. +41 (0)91 797 10 00 infoleonsernone.ch Geöffnet Ostern bis Ende Oktober (Mail ganzjährig) www.onsernone.ch

 

 

Steile Welt im Onsernone-Tal  im Radio SRF 1