Die Bäder von Craveggia-Spruga im Onsernonetal

 

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von
Thomas C. Guggenheim
 

Einleitung

Zuhinterst im Tessiner Onsernonetal befinden sich, auf dem italienischen Ufer des Flusses die Ruinen eines Kurbades. Am 18./19. Oktober 1944 wäre es hier beinahe zu einer kriegerischen Auseinandersetzung zwischen der Schweizer Armee und nazi-faschistischen Truppen gekommen. Das heute mehr oder weniger vergessene Ereignis ging als „Battaglia dei Bagni di Craveggia-Spruga“ in die Geschichte ein.

Etwas Geografie und Geschichte

 

Man fährt mit dem Postauto oder dem Privatwagen von Locarno über Ponte Brolla ins Centovalli, durch Tegna und Verscio bis Cavigliano. Dort zweigt man ab ins Onsernonetal. Die Strasse endet in Spruga mit einem Parkplatz, der zugleich als Wendeplatz dient, neben einer kleinen Osteria. Ein bequemer, asphaltierter, mit Fahrverbot belegter Weg erlaubt ein gemächliches Wandern hinab ins Tal; vorbei an einer der „Heiligen von Lourdes“ gewidmeten Wegkapelle. Typische Tessiner Steinhäuser, deren Dach aus traditionellen Granitplatten oder leider auch aus Wellblech besteht, dienen entweder als Ferienhäuschen oder werden von Bio-Bergbauern, Imkern oder jungen Menschen bewohnt, die danach trachten, der Zivilisation zu entfliehen. Rechterhand plätschern Wasserfälle über die Felsen. Gelegentlich begleiten meckernde Ziegen die Spaziergänger.
Nach einer guten halben Stunde erreichen die Wanderer den Fluss, der hier „Rio dei Bagni“ heisst, weiter oben „Rio Croso“ genannt wird und talabwärts die Namen „Isorno“ und „Onsernone“ erhält. Am gegenüberliegenden, italienischen Ufer befinden sich die Ruinen eines ehemaligen Kurbades. Die Italiener nennen sie „I Bagni di Craveggia“, für die schweizerischen Talbewohner sind es „I Bagni di Spruga“. Die ehemaligen Thermen liegen auf 977 m Höhe. Der Fluss kann hier nur bei Niedrigwasser überquert werden. Doch ein kurzes Stück vorher kann man auf einem Steg den Fluss überqueren, zum italienischen Grenzerhäuschen hinauf steigen und von dort hinab zu den Ruinen des Kurhauses. Der Verlauf der Grenze zwischen der Schweiz und Italien war früher im Tal mit roter Farbe auf einer Felsplatte markiert worden. Heute kommt diese Aufgabe einer Holztafel zu.
Die Quellen der „Bagni“ werden bereits im 14. Jahrhundert urkundlich als „Aquacalda“ erwähnt. Die Quelltemperatur beträgt um die 28 Grad, so dass die Überreste der Badeanlagen heute wieder oft von Spaziergängern zum Baden benutzt werden. Erste Gebäude entstanden zwischen 1818 und 1823. Das im Jahr 1881 erbaute Kurgebäude wurde auch nach dem Zweiten Weltkrieg wieder in Betrieb genommen. Leider wurde es 1951 und, was damals davon übrig geblieben war, erneut 1986 von Lawinen bis auf die heute sichtbaren Reste zerstört. Beide Schneelawinen kamen von der Schweizer Seite her. Verschiedene Vorhaben, die Gebäulichkeiten wieder neu zu errichten, wurden nie verwirklicht. Erst kürzlich sind die verbliebenen Badruinen mit beachtlichem Aufwand gesichert worden, so dass die Wannen aus dem 19. Jahrhundert gefahrlos zu besichtigen sind.

La Battaglia dei Bagni di Craveggia-Spruga

Als gegen Ende des Zweiten Weltkrieges die faschistische Regierung Italiens vor den anrückenden alliierten Truppen kapituliert hatte, löste sich der italienische Staat schlagartig auf. Vorübergehend obsiegten die partikularen Interessen. Die Deutschen zerschlugen jedoch sofort die sich anbahnenden regionalen Strukturen. Viele Italiener flüchteten, andere wurden Partisanen.
In unmittelbarer Nachbarschaft zur Schweiz wurde als Kind dieser wirren Zeiten am 10. September 1944 die Republik Ossola ausgerufen. Sie lebte jedoch nur 35 Tage, immerhin lange genug, um in den Geschichtsbüchern erwähnt zu werden. Sie wurde im Stich gelassen von der neuen Regierung im Süden von Italien und von den Alliierten. Hingegen wurde die Freiheitsbewegung namentlich von den Tessinern unterstützt, soweit dies der begrenzende Rahmen eines Status der Neutralität zuliess. Die Republik Ossola endete am 14. Oktober 1944, als nazi-faschistische Truppen den Hauptort Domodossola zurückeroberten. Viele Partisanen flohen in die Schweiz, ins Wallis und ins Tessin. Ungefähr fünfhundert Flüchtlinge, die Hälfte Zivilisten, unter ihnen 37 Frauen und 31 Kinder, fanden sich nach einer abenteuerlichen Flucht ein beim Kurbad Craveggia-Spruga und begehrten als Asylanten Einlass in die Schweiz.
Inzwischen war eine schwer bewaffnete, etwa 200 Mann starke nazi-faschistische Militäreinheit von Craveggia di Vigezzo aus aufgebrochen. Ihr gehörten auch drei oder vier deutsche SS-Offiziere an. Am Vormittag des 18. Oktober 1944 langte die Truppe bei den Bädern an, ging in Stellung und eröffnete mit ihren schweren Geschützen das Feuer auf die Partisanen und die Zivilpersonen. Die Flüchtlinge waren unzureichend bewaffnet, vermochten keine Gegenwehr zu leisten und flohen hinauf nach Spruga. Zwei Tote und viele Verletzte, von denen die meisten in Gefangenschaft gerieten, waren das traurige Ergebnis des Kampfes.
In Spruga befand sich, drei Kilometer von der Grenze entfernt, nur eine kleine Besatzung. Ihr Kommandant begab sich zu den Bädern und verhandelte mit den italienischen Führern. Diese forderten die unverzügliche Auslieferung der in die Schweiz geflüchteten „Banditen“, und zwar „vivi, feriti o morti“, lebendig, verletzt oder tot. Andernfalls würden die Italiener nicht zögern, nach Spruga einzudringen und eigenhändig die abtrünnigen Verräter zurückzuholen. Den Tessinern wurde ein Ultimatum gesetzt bis zum nächsten Morgen um sechs Uhr früh.
Die Schweizer Armeeführung reagierte prompt. Ihre Leitung in Andermatt beorderte eilends eine Grenadierkompanie ins kritische Grenzgebiet. Drei motorisierte Gruppen erreichten Spruga um 22 Uhr, die übrigen trafen nach einem Gewaltmarsch von sechzig Kilometern in den frühen Nachtstunden dort ein. Unterwegs begegneten die Schweizer Soldaten im Onsernonetal den italienischen Partisanen, die nach Locarno unterwegs waren und die Schweizer Grenadiere zur Rache aufriefen.
Am 19. Oktober 1944, pünktlich um sechs Uhr morgens, eröffnete der Tessiner Kommandant den Italienern, dass ihr Ultimatum abgelehnt werde und die Schweizer Behörden sich gegen jegliche Grenzverletzung verwahrten. Nötigenfalls werde, so der Tessiner, Gewalt mit Gewalt beantwortet. Nach einem Blick auf die inzwischen errichteten Schweizer Geschützstellungen mässigte der italienische Kommandant seinen bisher arroganten Ton und zog sich zur Beratung zurück. Wenige Zeit später brach die nazi-faschistische Truppe ihre Stellung ab und verliess das Onsernonetal.
Hunderte von Kindern aus Domodossola und den von dort fächerartig ausgehenden Tälern fanden in dieser unruhigen Zeit Pflegeeltern im Tessin. Als Erwachsene erinnerten sie sich noch lange an „il paese del pane bianco“, das Land des weissen Brotes.

 

 

 

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